Ungeliebte Niedrigzinsphase und warum es früher auch nicht besser war

Oft hört man in der heutigen Zeit die Aussage, dass früher, als die Zinsen noch attraktiv waren und alles besser war. Damals hatte es sich noch gelohnt zu sparen. Bei Zinssätzen von 4-6%, teilweise sogar bis zu 10% Zinsen pro Jahr (in den 80er Jahren) für klassische Banksparprodukten ist dies auch absolut nachvollziehbar.

Heute, bei historisch niedrigen Zinsen, die gerade so über 0% taxieren, wünschen sich viele diese Zeiten zurück.

In diesem Beitrag möchte ich auf die Zinsentwicklung und die daraus resultierten Folgen einen kritischen und differenzierteren Blick werfen.

Die Zinsen sind auf historischen Tiefstand und das schon seit vielen Jahren. Doch wann begann diese Entwicklung?

Dazu möchte ich gemeinsam mit dir die Entwicklung der Umlaufrendite in Deutschland nachvollziehen. Doch was ist die Umlaufrendite überhaupt? Einige werden vielleicht zunächst damit nichts anfangen können.

Die Umlaufrendite

Dazu eine kurze Erklärung:

Die Umlaufrendite ist ein Maß für die durchschnittliche Rendite aller festverzinslichen Bundeswertpapiere mit einer Restlaufzeit von 3-30 Jahren.

Da die Bundesanleihen mit den größten Einfluss auf die Berechnung der allgemeinen Umlaufrendite haben, werde ich im Folgenden den Begriff Umlaufrendite alleine auf Bundeswertpapiere  beziehen.

Umlaufrendite

Historische Umlaufrendite dt. Staatsanleihen

Quelle Stastiken der Dt. Bundesbank

Grundsätzlich kannst du anhand der Entwicklung der Umlaufrendite auf das jeweils aktuelle Zinsniveau des deutsches Kapitalmarkts schließen.

Das Zinsniveau und die Umlaufendite in Deutschland lag wie beschrieben über drei Dekaden jenseits der 5%. Dabei wurde die Marke der 9% das letzte Mal in den Zeiten der Wiedervereinigung erreicht. Seit diesen Zeiten sinkt das Zinsniveau mit kleineren Schwankungen kontinuierlich. Die Abwärtstrend dauert bis heute an und führte dazu, dass seit dem Jahr 2011 die 2%-Marke nicht mehr erreicht wurde.

Umgekehrte Zinswelt

Bis dahin galt die Regel: Wer Geld spart, erhält als Bonus einen Zins und wer Schulden macht, muss dafür Zins zahlen. Diese Regel scheint seit geraumer Zeit aufgehoben zu sein. Bei der Bank in der Kreide zu stehen, kostet fast keine Zinsen mehr und wer fleißig in klassische und konservative Anlagen spart, der muss damit rechnen Verlust zu machen. Unternehmen sind hier sogar noch stärker getroffen, da teilweise auf Bankguthaben bereits Negativzinsen (Strafzinsen) erhoben werden.

Einer der Gründe für diese Entwicklung ist auf europäischer Ebene verortet. Die hohe Staatsverschuldung vieler europäischer Volkswirtschaften begründet die restriktive Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. Aktuell haben die Notenbanker noch Respekt davor die Zentralbankzinsen wieder anzuheben, da Länder mit einer hohen Staatsverschuldung danach wieder mehr Schuldzinsen bezahlen müssten. Dies würde nach Ansicht der Volkswirte deren ohnehin schwächelnde Wirtschaftsleistung zusätzlich belasten. 

Wir können daher höchstens mit einer sehr langsamen Zinsanhebung rechnen, die voraussichtlich über Jahre gestreckt wird.

Doch ist die Höhe der Zinsen wirklich so entscheidend?

Ich behaupte, dass wir die letzten Jahre gar nicht so eine schlechte Verzinsung auf Geldvermögen hatten.

Realzinsen sind entscheidend

Dazu möchte ich dich darauf hinweisen, dass du bei der Betrachtung der Zinsen immer auf den Realzins schauen solltest.

Der Realzins ist der nominale Zins - der aktuellen Inflation.

Dieser Realzins kann positiv sein, dann findet realer Kapitalaufbau statt und er kann negativ sein.

Dann sparst du dich eher arm.

Nun schau dir das folgende Schaubild an. Hier ist die Realverzinsung in Deutschland der letzten 20 Jahre aufgezeigt. Die hohen Zinsen der Vergangenheit sind hier gar nicht mehr so hoch und die scheinbare Niedrigzinsphase ist auch nicht so deutlich erkennbar.

Realzinsen in Deutschland in Deutschland

Quelle: Statistiken der Dt. Bundesbank

Die Inflation tut hier ihr übriges. Was lässt sich erkennen. Die Realverzinsung lag in den letzten 20 Jahren lediglich knapp die Hälfte der Zeit im positiven Bereich. Die restliche Zeit überstieg die Inflation den nominalen Zins und der Realzins war negativ.

Das bedeutet übersetzt, dass die hohen Zinsen der vergangenen Zeit durch eine hohe Inflation von teilweise 4-6Prozent wieder neutralisiert wurden und damit lange kein echter Kapitalaufbau möglich war.

So ist auch zu erkennen, dass in den Jahren zwischen 2014 und 2016 trotz niedriger Nominalzinsen und aufgrund der niedrigen Inflation in diesen Jahren im positiven Bereich lag und damit ähnliche Rahmenbedingungen wie in den 90er Jahren vorherrschten.

Lediglich seit Anziehen der Inflation im Jahr 2016 ist auch die Realverzinsung wieder in den negativen Bereich gesunken.

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Über den Autor

Der Investment Ingenieur vereint Investmentwissen und ingenieurwissenschaftliche Vorgehensweise.

Er studierte Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Abschluss M.Eng. und absolvierte parallel die Ausbildungen zum Finanzanlagen- und zum Versicherungsfachmann. Seit seinem 17. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit Aktien, Investementfonds und Zertifikaten und seit einigen Jahren auch mit dem Thema Immobilien. Das erworbene Wissen gibt er einfach verständlich in seinem Blog weiter. Er möchte den Lesern den entscheidenden Impuls geben, sich von emsigen Sparern zu selbständigen Investoren zu entwickeln. Das ist ihre einzige Chance Vermögen auszubauen und damit unabhängiger zu werden.

 

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